Über Rico Kahmann

Ist es natürlich?

Sind wir wirklich die, die wir glauben zu sein?

Was macht uns gleichgültig und was bringt uns dazu, genauer hinzuschauen?

Und wieviel Empathie braucht es eigentlich, damit aus vielen Einzelnen irgendwann ein Miteinander wird?

Solche Fragen beschäftigen Rico Kahmann.

1979 in der Magdeburger Börde geboren und aufgewachsen, verbrachte er seine Kinder- und Jugendzeit in recht einfachen Verhältnissen. 

Bereits in der Schule zeichnete er lieber, als sich mit dem zu beschäftigen, was seine Lehrer gerade für wichtiger hielten.

Nach seinem Realschulabschluss 1995 führte sein Weg nicht über eine Kunsthochschule oder Akademie.

Stattdessen begegneten ihm unterschiedliche Berufe, praktische Erfahrungen, Umwege und ziemlich viel echtes Leben.

Retrospektiv war das vermutlich sogar die passendere Ausbildung.

Denn mit den Jahren entwickelte sich daraus ein genauer Blick für Menschen, Räume, Stimmungen und das ein oder andere Sonderbare, an dem man normalerweise einfach vorbeigeht.

Kahmann ist Autodidakt.

Seine Bildsprache entstand nicht nach Lehrplan, sondern durch Ausprobieren, Verwerfen, Wiederanfangen und die gelegentliche Erkenntnis, dass ein Bild eigentlich niemals zu 100% fertig ist. 

Über die Jahre entwickelte er seinen Umgang mit surrealen Kompositionen, kräftigen Kontrasten, Linien, Körpern und emotionaler Bildwirkung.

Als er 2009 zu tätowieren begann, war das zunächst nur ein weiteres kreatives Handwerk.

Doch es prägte seine Arbeit über viele Jahre: Linie und Form mussten plötzlich nicht nur interessant aussehen, sondern auf einem menschlichen Körper funktionieren.

Das schärfte seinen Blick für Proportion, Präzision und Konzentration. Und vermutlich auch seine Geduld.

Parallel dazu wurde der Wunsch immer größer, die Bilder in seinem Kopf freier umzusetzen.

„Mit der Geburt beginnt ein Moment – ein sehr langer, fließender und übergangsloser. Wie unsere Erde steht dieser Moment niemals still. Alles ist in Bewegung, verbindet sich, verändert sich und löst sich wieder auf. Diese Prozesse laufen der Zeit nicht davon. Vielleicht machen sie sie überhaupt erst messbar.“

Aus solchen Gedanken entstanden schließlich die ersten größeren Ölmalereien auf der Leinwand.

Mit seiner Lebensgefährtin zog Kahmann 2012 in den Süden Deutschlands und bezog dort eine kleine Künstlerwerkstatt direkt am Rhein.

Dort tätowierte er viele Jahre und arbeitete parallel an seinen eigenen Werken.

Trotz all der Arbeit blieb glücklicherweise noch genug Zeit, um auch immer mal wieder zu verschwinden.

Angefangen hat das völlig harmlos:

Erst eine Woche Nizza, ganz klassisch im Hotel.

Dann zwei Wochen Côte d’Azur, in einer Ferienwohnung.

Danach drei Wochen San Sebastián, mit der Harley im Gepäck.

Weil bloß irgendwo anzukommen offenbar irgendwann nicht mehr reichte.

(Augenscheinlich war Urlaub ein Konzept, das sich noch ausbauen ließ und entwickelte sich zu einer zweiten Angewohnheit.)

Aus drei Wochen wurde ein Monat auf der Harley durch Spanien.

Später drei Monate durch die USA, mit Zelt und Schlafsäcken.

Die Reisen wurden länger, die festen Pläne weniger.

Und irgendwann beschäftigte ihn weniger die Frage, wohin der nächste Urlaub gehen sollte, sondern viel mehr, warum man eigentlich immer wieder zurückkehren musste.

Ein Jahr später begann dann eine ganz neue Reise, nämlich die des Elternseins.

2022 folgte daraus der nächste ziemlich konsequente Schritt: der Van, Europa und mehrere Jahre unterwegs. Mit der ganzen Familie.

Das Reisen veränderte nicht nur den Alltag, sondern auch Kahmanns Blick.

Wechselnde Landschaften, Städte, Menschen, Licht, Architektur und so manche kleine Kuriosität am Straßenrand wurden zu einem stetigen Fundus für seine Arbeit.

Während dieser Zeit entstanden auch die ersten Grafiken und Fotografien, die neben der Malerei schließlich zu zwei weiteren festen Ausdrucksformen seiner Kunst wurden.

Und was soll das alles bedeuten?

Eine Frage, die Künstler erstaunlich häufig gestellt bekommen.

Kahmann möchte seine Werke nicht mit einer fertigen Bedienungsanleitung ausliefern.

Die Bilder zeigen seine Sicht auf Menschen, Bewegung, Beziehungen und Umwelt. 

Und die merkwürdige Tatsache, dass alles ständig im Wandel ist, obwohl wir gern so tun, als wäre irgendetwas davon dauerhaft.

Was der Betrachter darin erkennt, darf trotzdem etwas vollkommen anderes sein.

Eigentlich soll es das sogar.

Denn Kunst funktioniert für Kahmann nicht als Erklärung.

Sie ist Kommunikation.

Zwei Menschen können vor demselben Bild stehen und völlig unterschiedliche Dinge sehen.

Es gibt dabei kein richtig oder falsch.

Manchmal reicht es schon, für einen Moment länger hinzusehen, als man es normalerweise getan hätte.

Vielleicht beginnt Surrealico genau dort: Wo andere einfach weitergehen.

„Was uns im Leben fehlt, ist Zeit.
Und trotzdem verbringen wir erstaunlich viel davon damit, so zu tun, als hätten wir genug.“