Leben im Surrealen

Lesedauer ca. 8 Minuten | Surreale Wirklichkeit

Leben wir schon längst in einer Welt, die nicht mehr so real ist, wie manche sie zu sehen glauben? Oder ist sie einfach die aktuelle Realität?

Sehe ich die Welt nur anders, als der gewaltigere Rest der Menschen? Oder müssen wir untereinander nur mehr kommunizieren, um festzustellen, dass es viele von uns gibt?

Was passiert, wenn die Welt selbst surreal wirkt?

Der Alltag macht uns ein wenig blind. Es gibt so viel zu tun. Manchmal fehlt schlicht die Zeit dafür, um neue Ansatzwege sehen und gehen zu können.

Ist es überhaupt notwendig, dass so viele Menschen es mit der Wahrnehmung so genau nehmen müssen? 

Influencer filtern ihre Gesichter, ihre Worte und ihre Umgebung.

Sie spielen dem Betrachter eine Intimität vor und reißen ihre Follower durch diese Selbstinszenierung in eine künstliche Welt mit, die nichts mehr mit der eigenen Realität zu tun haben scheint.

Es entsteht eine sogartige Spirale, die das Loslassen immer schwieriger macht.

Künstliche Stimmen und künstliche Bilder sind in dem gewohnten Alltag keine Ausnahme mehr, sondern eher die Regel.

Direkt nach den konsumierten Katastrophen folgt die Werbung, um uns schnell wieder das kuschlige Gefühl des warmen Nestes vorzugaukeln. 

Das passiert nur, wenn es um uns herum passiert. 

Also differenziert der menschliche Kopf und lässt – natürlich nur aus Selbstschutz – die positiven Bilder und Verknüpfungen näher an sich heran.

Er versucht die Katastrophen schnell wieder zu verdrängen – oder besser gesagt: zu ignorieren.

Das Surreale daran ist nicht, dass versucht wird, sich in diesem Zustand mit dem Positiven zu verbinden, sondern, dass das wahrscheinlich reale Ereignis ignoriert und das vorgegaukelte Ereignis akzeptiert wird.

In vergangenen Zeiten musste man schlafen und träumen, um in den Genuss zu kommen, sich in der surrealen Welt zu bewegen.

Heute reicht es, das Telefon zu entsperren. 

Die Realität verhält sich so, als würden ihre Regeln gelockert.

Alles passiert direkt nebeneinander: Wir bezahlen Rechnungen, während wir die Katastrophenmeldungen lesen.

Wir sehen Werbung für Produkte, die wir nicht brauchen, aber unbedingt haben wollen.

Obwohl wir doch gerade erst die Werkstattkosten für den Dacia bezahlt haben, den wir nicht mal fahren können, da kein Geld mehr für Benzin übrig ist. 

Aber sollte man nun glücklich oder traurig darüber sein? 

Vielleicht muss die Kunst heute eher sichtbar machen, wie verrückt das Normale bereits geworden ist.

Aber gesehen werden sollte sie natürlich auch, sonst nützt es ja nichts.

Ein gutes Buch ist schließlich auch nur wertvoll, wenn es gelesen wird.

Und genauso sollten auch die ganzen Kunstobjekte gesehen werden dürfen.

Stattdessen werden sie aufrecht stehend in einem Lagerraum abgestellt – sei es rein aus Investitionsgründen oder weil es leider keine Möglichkeit gibt, dass die Künstler Ihre Werke irgendwo präsentieren können. 

Es wäre von Vorteil für die Gesellschaft, wenn es eben diese Möglichkeit zur freien Kunstpräsentation gäbe.

Und damit meine ich nicht, dass ein Galerist eine Vernissage veranstaltet.

Ich meine einen Ort in jeder Stadt, wo Künstler aller Art ihre Werke ausstellen dürfen. Einfach so, auch ohne ein Kunststudium absolviert zu haben. 

Künstlerische Aufgabe

Es scheint, als wäre es kein Gegenstück der Wirklichkeit mehr, sondern eine parallele Form. 

Eine Aufgabe des Künstlers könnte sein, den Alltag widerzuspiegeln und auf einem Medium darzustellen, sodass es mit der Realität verschmelzen kann.

Das Ideal ist es jedoch, dass der Raum viel Platz für Interpretationen hergibt, welche keinen gemeinsamen Nenner finden. 

Surreale Schwarz-Weiß-Grafik von Rico Kahmann mit feinen organischen Linien
Grafik #52

Die zahlreichen Medienströme zeigen traumähnliche Logiken im Wachzustand und suggerieren gleichzeitig die damit einhergehende Wirklichkeit. 

Manche Besucher dieser Medien werden anfangs noch skeptisch überlegen, ob das echt ist.

Aber nach immer wiederkehrender Informationsübermittlung bricht der ein oder andere langsam ein und hat die Skepsis und die Zweifel beiseite gelegt. 

Man muss es nur lange genug eingetrichtert bekommen – dann wird die erfundene Wirklichkeit anerkannt. 

Der bildende Künstler muss sich von diesen komatösen Zuständen befreien und versuchen, das Gesamte zu erkennen. 

Dies zu erreichen sollte dem einen leichter, dem anderen schwerer fallen.

Wichtig ist es dabei, zu erkennen, dass man diesen Weg gehen sollte. 

Die künstlerische Umsetzung zwischen dem, was man bereits erkannt hat, und dem,  was man während der Umsetzung der Kunst erkennen wird, ist einer der schönsten Abschnitte auf dem Weg. 

Die Kunst entsteht immer nur im momentanen Zustand der Erkenntnisse. 

Und so kann sie auch nur behandelt werden. 

Da die Zukunft nicht so ganz feststeht, müssen wir uns damit wohl vorerst abfinden.

Die Leichtigkeit der Zeit

Es ist der Zeit egal, wie lang man braucht, um Erkenntnis zu erlangen.

Oder ob man es überhaupt schaffen möchte, etwas schlauer und weiser zu sterben, als man geboren wurde. 

Von ihr vernimmt man nur hin und wieder das akustische Signal … tick tack, tick tack. 

Dennoch sind wir der Zeit verpflichtet und hängen mit schweren Ketten an ihr. 

Jeder Versuch, an eben diesen Ketten hochzuklettern, um ein wenig von der Zeit zurückzuholen, die uns bereits davongelaufen ist, ist Verschwendung. 

Wir können nichts daran ändern…. Was weg ist, ist weg. 

Darum ist es wichtig, die Zeit auf seine eigene Weise zu nutzen. 

Dem Künstler bleibt nur die Fertigstellung seiner Werke, die noch in ihm sind.

Und, dass es immer mehr Betrachter gibt, die diese Werke sehen wollen. 

Was kann er sonst machen?

Eine unendliche Geschichte des eigenen Bewusstseins wird es wohl nicht geben. 

Das bleibt ein surrealer Traum und dieser Luxus ein ewiger Vorbehalt, so hoffe ich doch zumindest.

Unangenehm

Wenn wir uns den Tatsachen nicht stellen und uns stattdessen lieber dem hingeben, was wir uns einreden, könnten wir ein schönes Leben führen. 

Zumindest, wenn dem eine gewisse Bedeutungslosigkeit vorangeht. 

Es bleibt so lange angenehm, bis wir mit dem konfrontiert werden, was uns aus dem Schlummerschläfchen aufweckt. 

Scheint der abrupte Zustand dann eingetroffen zu sein, gibt es kein Zurück mehr. 

Die Erkenntnis, dass das Reale und Surreale zu verschmelzen scheinen, sollte die Augen öffnen für weitere Erkenntnisse. 

Nämlich, dass es kein Ende gibt. 

Niemand, absolut niemand, weiß, was sich um unsere Welt herum wirklich abspielt. 

Alles sind Mutmassungen! 

Woher kommen wir wirklich? 

Was ist weit außerhalb unserer Stratosphäre? 

Existiert dieser Weltraum tatsächlich? 

Und wenn es kein Ende dieses Raumes gibt, kann dann überhaupt irgendetwas wirklich enden? 

Und falls es doch ein Ende geben sollte, wer kann es beweisen? 

Und was befindet sich dahinter? 

Oder ist es nur eine immer wiederkehrende Umverteilung und Zusammensetzung der Moleküle, Mineralien, Gase etc.? 

Ich weiß nicht, welches Wissen vor meiner Lebenszeit existierte. 

Aber ich denke, seitdem leben wir längst im surrealen Raum. 

Nur können (oder wollen) wir nicht aus unserer realen Blase herausschauen. 

Unser winzig großer Planet ist wohl nicht das Ende der Fahnenstange. 

Und ich denke, wir werden das Ende auch niemals sehen können. 

Wer weiß schon, was wahr ist, in einer Welt, die sich zur Aufgabe gemacht hat, nur das darzustellen, was man glaubt, darstellen zu müssen?

Das surreale Leben ist präsent, man muss nur weit genug sehen können.

Und nun?

Wahrscheinlich nichts weiter. 

Verändert man sein Leben, wenn einem klar wird, was vielleicht vor sich geht? 

Könnte es sinnvoll sein, darüber nachzudenken?

Oder ist unsere Wirklichkeitsblase zu schön, um eine spitze Nadel herauszuholen und sie platzen zu lassen? 

Das könnte natürlich auch mit Schmerzen verbunden sein – nicht nur für den Nadelschwinger, sondern auch für das nähere Umfeld des mit der Nadel in der Hand wütenden Protagonisten. 

Sollte man sich vorher Gedanken darüber machen, was die anderen über einen denken könnten? 

Es kann auch befreiend sein, einfach mal loszulegen, ohne zu denken. 

Natürlich sollte der Fokus immer darauf ausgelegt sein, keinen gravierenden Schaden zu verursachen. 

Ich glaube, das Erschaffen von Neuem, alles, was die surreale Wirklichkeit positiv verändert, kann doch nur gut sein. 

Eine gewisse Volatilität der schlechten und guten Ereignisse in unserer Welt lässt sich nicht abstreiten. 

Darum muss man sich eingestehen, dass es das eine nicht ohne das andere geben kann. 

Zumindest nach meinem jetzigen Kenntnisstand nicht. 

Es wäre doch sicherlich schön zu sehen, wie diese Volatilität der Ereignisse zusammenbricht, zugunsten der guten Seite. 

Wenn vielleicht alle eine Nadel in der Hand hätten, gleichzeitig in die Blase stechen und zu der Erkenntnis gelangen würden, dass es in Wahrheit eine empathische Gemeinschaft schaffen kann, diese surreale Welt aufzubauen und in eine Wirklichkeit umzuwandeln, das wäre doch ein Experiment, welches sich zu erarbeiten lohnt. 

Falls sich einer vorab die Frage stellt: „Was, wenn das nicht funktioniert?“ 

Nun ja, es kann so oder so weitergehen. 

Egal wie und was die Menschheit machen wird, eines ist gewiss: Die Zukunft bleibt ungewiss. Das hätte H. G. Wells 1895 dazu gesagt. 

Wenn wir aber im stetigen Fortsetzen sind und dadurch unsere Gedanken immer in Bewegung halten, ist das allein genommen schon ein gutes Ereignis. 

Denn so kann die Menschheit wachsen. Und das sollte sie vielleicht. 

Angesichts der immer wiederkehrenden gleichen schlechten Geschehnisse der Vergangenheit, sollte einem jedem, der noch zögert, die Nadel zu benutzen, Folgendes klar sein: 

Es ist keine Option, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. 

Ein Rat an Alle

Vergesst nun am besten alles, was ihr bisher hier gelesen habt. 

Macht einfach weiter mit dem, was ihr so macht. 

Die Lebenszeit ist zu wertvoll, um sich mit schlechten Texten abzugeben, die nur eine weitere Ansammlung von Wörtern darstellen, welche schnell wieder in Vergessenheit geraten. 

Lest stattdessen euren Lieblingsschriftsteller oder eure Lieblingsschriftstellerin. 

Falls nun Zweifel aufkommen: Herzlichen Glückwunsch.